Dyskalkulie – eine ungewöhnliche Beschreibung aus der Sicht einer betroffenen Erwachsenen

Marla und der Wald Dyslie

Nah am Rande von Irgendwo gibt es die kleine Stadt Immerwieder. Um sie zu durchqueren, müssen die Menschen durch den Wald Dyslie. Das prägnanteste von diesem Wald sind seine vielen verschlungenen Wege. Auf diesen Wegen stehen, mal hier mal dort, verschiedenartige Hinweise. Sie alle haben zur Aufgabe den Menschen zu helfen sich in dem Wald Dyslie zurechtzufinden.

Es ist schon spät und Marla läuft noch immer im Wald herum. Sie ist müde und verzweifelt. Immer und immer ist sie in diesem Wald und mal wieder, wie schon so oft, ja eigentlich wie fast immer, hat sie sich verirrt.

Erschöpft fährt Marla sich über die Augen und setzt sich auf einen Baumstumpf. Verzweifelt schaut sie sich um und, was sie sieht, lässt sie laut aufseufzen. Vor ihr, neben ihr und hinter ihr sind Wege. Marla lacht ironisch auf. Wege, denkt sie. Wege. So was würde sie normalerweise niemals als Wege bezeichnen. Wege, das sind klare, gerade Ebenen, die sich vor allem eindeutig von dem Rest der Umgebung unterscheiden. Doch diese hier schlängeln sich entlang, hören plötzlich auf, sehen dann wiederum aus wie die Wiese nebenan und weisen doch eine Richtung an, die für Marla wie ein Rätsel ist.

Wo soll sie hin? Soll sie einfach alles ignorieren und so tun als gibt es all’ dies nicht? Marla schüttelt den Kopf. Nein, das kann sie nicht! Wer auch immer diesen Wald hier geschaffen hat, hat leider auch dieses Durcheinander geschaffen. Und leider auch diese schrecklichen Hinweise.

Wieder lacht Marla ironisch auf. Diese Hinweise, sie sollen bei dem Zurechtfinden in dem Wald Dyslie helfen. Das steht sogar auf einem der Schilder, die den Sinn dieser Hinweise erklären.

Marla schließt kurz die Augen, als könnte sie all das äußere Durcheinander aus ihrem Leben dadurch verbannen. Dann atmet sie ein paar Mal tief ein und aus und rappelt sich wieder auf.

„Okay, dann mal los“, denkt sie. Schließlich ist sie bisher immer aus diesem Wald herausgekommen, auch wenn es immer wieder so lange gedauert hat.

Entschlossen geht Marla weiter. Irgendwo lang, ohne dass sie die Richtung versteht. Nach einer Weile sieht sie vor sich, hoch aufgerichtet, eines der Hinweise. Es ist ein Schild. Marla kann das Grinsen um ihre Mundwinkel nicht verhindern. Was manche Menschen so als Hinweisschild sehen? Für sie ist es ein rotierendes, sich widersprechendes Karussell.

Das Hinweisschild besitzt als Fuß eine senkrechte Stange. Am oberen Ende dieser Stange befinden sich schmale, in der Waagerechten längliche, beschriftete Bretter, die in verschiedene Richtungen zeigen. In für Marla nicht erkennbaren, regelmäßigen Abständen drehen sich diese Bretter jedoch. Mal nach oben, mal nach links, mal nach rechts, mal geradeaus. Sie gleichen sich den Wegen an, die ebenso wie die Bretter sich nach irgendeinem Plan bewegen, und geben so einen logischen Hinweis für die Richtung. Doch wer die Wege nicht versteht, versteht auch die Schilder nicht. Und wer die Schilder nicht versteht, versteht auch die Wege nicht. Und wer beides nicht versteht, hat kaum eine Chance sich in Dyslie zurechtzufinden.

Ein zweites Mal seufzt Marla auf, um dann jedoch schnell und entschlossen irgendeinen dieser Wege zu gehen, die das Hinweisschild deutlich macht. Mir ist es jetzt egal, denkt Marla, schließlich habe ich mich ja schon verlaufen, also, es kann nur besser werden. Und so beginnt Marla zu laufen und zu laufen. Mal hier hin, mal dorthin.

„Zielsicher kann man das nicht gerade nennen“, murmelt Marla leise in sich hinein. Missmutig, jedoch weiterhin tapfer geht sie weiter.

Die Wege sind sehr unterschiedlich. Manche von ihnen sind ordentlich mit Sand bestreut, als hätte jemand eine riesige Scheibe Brot mit Schokoladenmus bestrichen. Andere fühlen sich unter den Füßen ganz samtig an. Marla beugt sich hinunter und fühlt den Boden. „Wie weiches Moos“, denkt sie glücklich. Sie setzt sich lächelnd und freut sich, endlich einen Ort gefunden zu haben, wo sie sich etwas ausruhen kann. „Nur kurz“, flüstert sie und schließt die Augen.

Ein Rascheln schreckt Marla aus ihrer Ruhe heraus. Schnell öffnet sie die Augen und schaut sich um. Gerade noch kann sie schräg gegenüber von ihrem Platz einen kleinen Schatten verschwinden sehen. Nach einem anfänglichen Schrecken, dann doch neugierig geworden, steht Marla auf und schleicht leise zu der Hecke, hinter der der Schatten verschwunden ist.

Gebückt steht Nina hinter der Hecke und schaut zwischen den kleinen Zweigen Marla zu, die nun auch von der anderen Seite langsam auf die Hecke zu kommt, um dann gleich darauf direkt in die Augen von Nina zu schauen. Ganz kurz zuckt Marla zusammen und sagt dann aber „Hallo“.

Ninas Augen strahlen und sie richtet sich auf und streckt Marla furchtlos ihre Hand entgegen. „Hallo“ sagt auch sie und zieht ihre unbeantwortete Geste wieder zurück.

„Ist er nicht super?“ fragt Nina und zeigt mit einer großen Armbewegung in den

Wald hinein.

Marla sagt nichts darauf und schaut Nina nur stirnrunzelnd an.

„Meinst du das im Ernst? Oder ist das Spaß gewesen?“ fragt sie schließlich irritiert.

„Na im Ernst natürlich, ist doch klar!“ Marla seufzt innerlich auf. Diesen Unterton in Ninas Stimme, den kennt sie nur zu gut: leicht genervt, mit einer Spur Veralberung und einem Hauch Mitleid. Sie schaut Nina an und sieht, wie deren Augen vergnügt blitzen. „Na toll“, denkt Marla, „es ist immer das gleiche!“. Scheinbar können die meisten Menschen sich immer alles denken. Nur sie nicht.

Für Marla sind die Stimmungen und Ausdrucksweisen, die Bedeutungen der Worte und Sätze, so wie das Zusammenspiel der Mimik, Gestik, Tonlage und Worte der Menschen, immer wieder ein Rätsel und oft genauso unergründlich wie der Wald Dyslie.

„Hm“ lässt sie nun von sich hören und murmelt „Muss mal weiter“ und steht langsam auf. Dabei rollen ihr leise und heimlich einige Tränen die Wangen herunter, die sie verstohlen abwischt.

Für Marla ist es vertraut, dass sie vieles um sich herum unlogisch und unverständlich findet. Es ist ihr vertraut, dass sie oft ganz anders denkt und wahrnimmt. Ganz anders als die meisten Menschen, die sie kennt.

Deshalb ist sie schon lange damit beschäftigt, sich Strategien auszudenken, wie sie sich ihre Umwelt begreifbar machen kann.

Da sind zum Beispiel die Regelmäßigkeiten, die sie sucht. Nach Systemen und Strukturen, die wie eine Übersetzung sind für die Systeme und Strukturen der Menschen um sie herum. Inzwischen hat sie darin große Fähigkeiten entwickelt.

Eine andere Strategie ist, all die vielen Einzelteile, in denen sie ihre Umwelt wahrnimmt, wie auf einer Perlenkette in ihrem Kopf aneinanderzureihen. Richtig aneinandergereiht ergeben sie dann ein vollständiges Bild.

Auch hier in dem Wald Dyslie versucht sie immer wieder diese und andere Strategien anzuwenden. Doch heute ist es wie verhext, heute ist alles um sie herum so sehr verwirrend, dass sie kaum einen Anfang und ein Ende sieht und sich sämtliche Richtungen in ihrem Kopf ineinander verheddern.

Eben biegt sie in eine kleine Kurve und schaut schon gleich auf einen Platz. Verwundert bleibt Marla in der Mitte des Platzes stehen. Hier ist sie noch nie gewesen. Während sie sich umsieht, bemerkt sie zunächst gar nicht die Veränderung, die sich auf diesem Platz anbahnt. Doch dann, aus den Augenwinkeln, nimmt sie etwas Huschendes wahr.

„Was ist das?“, wundert sie sich.

Zahlen verschiedener Größe schwirren herum.

Sie fassen sich in Gruppen zusammen, lösen sich dann wieder auf, um sich gleich darauf in neuen Gruppen zu treffen. Die größeren Zahlen hingegen stehen da wie angewachsen und nur hin und wieder lehnen sie sich an den kleineren Zahlen an und werden dann plötzlich auch selber klein.

Marla steht verwirrt und verwundert da. Sie versteht nun endgültig gar nichts mehr. Und die Verzweiflung wächst zu etwas Großem, Tiefem, Undurchdringlichem.

 

Marla und die Häuser in Immerwieder

„Oh Hallo“, hört Marla eine Stimme. Ihr gegenüber kommt eine junge Frau auf sie zu.

„Oh Hallo“ gibt Marla ihr die Begrüßung wieder.

Die junge Frau setzt sich glücklich seufzend neben die inzwischen auch sitzende Marla.

“Dieser Platz hier“ schwärmt sie „ist mein Lieblingsplatz, aber du, “ und sie schaut Marla dabei freundlich fragend an, „siehst gar nicht so aus, als würdest du hier gerne sitzen?“

„Hmm“ bestätigt Marla wortkarg und beobachtet verzweifelt die Zahlen um sich rum.

„Sieht sie denn gar nicht all diese Zahlen hier? Oder ist das hier an diesem Platz etwa immer so und dieser Frau da neben ihr ist das ganz egal? Oder findet sie diesen Wirrwarr hier tatsächlich schön oder interessant?“

Marla versucht ihre Verzweiflung zu verbergen, doch ein verständnisloses Stirnrunzeln entgleitet doch ihrer Mimik.

Die junge Frau stützt sich zufrieden zurücklehnend auf ihre Unterarme und schaut zu den sich immer wieder neu ordnenden Zahlen. Dann blickt sie zu Marla und sagt: „Ich bin Pia und wie heißt du?“ „Marla“ antwortet Marla und schweigt weiter.

„Was soll ich sagen“, denkt sie. „Wenn dieser Platz ihr Lieblingsplatz ist, dann sind zwischen uns Welten und dann kann nur jeder Satz von mir ein Reinfall werden. Auch wenn sie sogar bemerkt, dass ich nicht gerne hier bin“, fügt sie in Gedanken hinzu.

Eine ganze Weile sagen beide nichts, bis Pia das Schweigen bricht. „Warum bist du nicht gerne hier?“ fragt sie. Marla sieht sie erstaunt an. Mit allem hat sie gerechnet. Aber nicht mit solch einer Frage.

„Sie ist interessiert“, denkt Marla. „Sie will tatsächlich ganz einfach nur wissen, warum ich nicht gerne hier bin. Sie will mich tatsächlich verstehen“.

„Weil ich diesen ganzen Wald hier überhaupt nicht verstehe. Immer wieder verirre ich mich und nirgendwo gibt es Erklärungen und Hinweise die ich verstehe und nun auch noch dieser Platz.“ Aus Marla sprudelt es nach den ersten Worten nur noch so raus.

„Dieser Platz“ erzählt sie weiter, „er macht mich wahnsinnig. Diese Zahlen, sie sind so was von irritierend und nichtssagend. Was soll das alles?“

Verzweifelt schaut sich Marla um, um gleich darauf erschrocken zu Pia zu blicken.

Jetzt hat sie so viel erzählt.

Die hält mich doch nun bestimmt für völlig verrückt, befürchtet sie.

„Ich halte dich nicht für verrückt“. Es dauert eine Weile bis Marla hört was Pia gesagt hat.

Kann die Gedanken lesen, denkt Marla und fragt laut: „Verstehst du das, was ich sage?“

„Hmja“ macht Pia und nickt bekräftigend und erzählt „Ich habe schon von manchen Menschen gehört, dass dieser Wald hier für sie sehr irritierend ist und sie daran verzweifeln.“

Marla schaut Pia mit großen Augen an.

„Andere Menschen?“ fragt sie. „Ich dachte ich wäre die Einzige die das hier nicht versteht.“

„Nein bist du nicht!

Und weißt du was, inzwischen wurden sogar auch Systeme entwickelt, wie man Hinweise so gestalten kann, dass alle Menschen sie verstehen.“

„Diese Zahlen sind Hinweise?“ Marla’s Augen werden immer größer. „Die haben doch echt ne’ Macke“ flüstert sie.

Pia grinst „Aus deiner Sicht schon“, gibt sie zu.

„Hm, weißt du, dass es kleine Gruppen gibt, die darum kämpfen, dass dieser Wald hier für alle Menschen verständlicher wird?“

„Nein, das wusste ich nicht.“

„Und weißt du, es gibt auch schon in Immerwieder Häuser, wo du hingehen kannst, und es wird dir zum Beispiel dieser Wald erklärt, so das du das verstehen kannst.“

„Echt?“ Marla kann all das kaum glauben. „Woher weißt du das alles?“

„Ich bin eine von den Menschen die in Immerwieder diesen Wald erklären“ antwortet Pia.

Marla sagt gar nichts. Verwirrt und aufgeregt fühlt sie sich. Langsam merkt sie, wie sich in ihr ein Hoffnungsschimmer breit macht. Sollte sie wirklich irgendwann einmal diese Zahlen, diesen Wald, die Umwelt, die Menschen verstehen können?

Für eine Weile unterbricht keine das Schweigen zwischen ihnen, bis Marla Pia fragt „Kannst du mir bitte helfen aus diesem Wald heraus zu kommen und mir die Häuser in Immerwieder zeigen?“

Pia nickt „Komm mit“ sagt sie und beide stehen auf und gehen los.

 

Dieses „Märchen“ stammt aus der Feder einer jungen Frau, die vom ersten Schultag an massiv unter Problemen im Fach Mathematik zu leiden hatte, aber erst im Erwachensenalter erfuhr, dass es eine Erklärung für ihre Schwierigkeiten gibt, Sie schenkte es vor ein paar Jahren ihrer Förderlehrerin.                                                   Mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung dürfen wir es an dieser Stelle veröffentlichen.       Wer gerne  Kontakt zur Autorin aufnehmen würde, kann in unserem Büro nach ihrer Email-Adresse fragen (mo – do, 9 Uhr – 12 Uhr; Tel.: 0431/677876).